Aliens & Passung

Viele Hochbegabte kennen das Gefühl, nicht für diese Welt geschaffen zu sein und sich nirgendwo richtig zugehörig zu fühlen.

 

Ihre Art zu denken, zu kommunizieren oder zu handeln stößt bei ihren Mitmenschen immer wieder auf Unverständnis und sie können wiederum deren Denk- und Handlungsweisen nicht nachvollziehen.

Der Psychologe und Autor Dr. Jürgen vom Scheidt nennt es das "Alien-Gefühl", man hat den Eindruck von einem anderen Stern zu kommen.

 

Zwei Drittel der Bevölkerung sind durchschnittlich intelligent und prägen die Gesellschaft allein durch ihre Überzahl, so können Hochbegabte immer wieder eine Diskrepanz zwischen sich und ihrer Umwelt erleben.

 

 

 

Passung

 

Manche Hochbegabte fühlen sich in Gruppenaktivitäten aller Art aus unerklärlichen Gründen unwohl, fehl am Platz oder schnell ausgelaugt, empfinden in sozialen Kontakten und sogar in Freundschaften einen diffusen, unbestimmten Mangel, ohne sich diesen näher erklären zu können. Andrea Brackmann spricht in ihrem Buch "Ganz normal hochbegabt" in diesem Zusammenhang vom Begriff der Passung.

 

Eine Passung ist stimmig, wenn dem Menschen die Entfaltung seines Potenzials sowie die Integration in sein soziales Umfeld gelingt. Können Talente und Begabungen nicht adäquat umgesetzt oder Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden, ist keine ausreichende Passung vorhanden oder möglich.

 

Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse nach Maslow

 

Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow entwickelte das Modell der Bedürfnishierarchie, wonach sich die Bedürfnisse, die der Mensch zum körperlichen und seelischen Überleben braucht, in fünf Stufen gliedern (siehe Abbildung).

 

 

Abbildung: Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse nach Abraham Maslow (modifiziert).

 

 

Die erste und zweite Stufe (die beiden untersten in der Abbildung) gehören zu den wichtigsten Grundbedürfnissen, sie sichern das physiologische Überleben des Organismus, z.B. Essen, Trinken, Schlafen, Umgebungstemperatur, Sicherheit und Schutz.
 

Auf der dritten Stufe folgen die sozialen Bedürfnisse, die das psychologische Überleben sichern, z.B. zu einer Gruppe zu gehören und von dieser akzeptiert zu werden.

 

Die vierte Stufe beinhaltet Ich-Bedürfnisse wie Wertschätzung, Anerkennung, Status, Geltung, Macht.

 

Auf der fünften Stufe steht schließlich die Selbstverwirklichung und das Bedürfnis, das eigene Potenzial umzusetzen, das zum individuellen Lebensglück gehört.

 

Zwischen den verschiedenen Stufen gibt es Unterschiede in der Priorität. Die Stufen 1 und 2 müssen erst erfüllt sein, bevor die Bedürfnisse der anderen Stufen in den Vordergrund treten. Das spannende, neue Buch wird man erst dann lesen, wenn akuter Hunger und Durst gestillt sind.

 

 

Gruppenzugehörigkeit

 

Wie das Modell von Maslow zeigt, gehört der Wunsch, zu einer Gruppe zu gehören, zu den Grundbedürfnissen des Menschen und ist evolutiv fest in uns verankert.

 

Der Urmensch war lange Zeit nur in der Lage, innerhalb einer Gruppe zu überleben, man jagte in Gruppen und schützte sich gemeinsam vor Gefahren. Unterschiedliche Fähigkeiten waren für eine Gruppe außerdem von großem Nutzen, darüber bezog der einzelne sein Selbstwertgefühl und hatte seinen Platz im sozialen Gefüge.

Der moderne Mensch lebt aber nicht mehr ausschließlich in seiner eigenen Sippe, sondern muss sich mehrfach im Leben mit neuen Gruppen arrangieren und dort immer wieder seinen Platz finden; in der Kita, im Kindergarten und Klassenverband der Schule, in der Freizeit in einer Clique oder einem Verein, in der Ausbildung, im Studium und Beruf.

Welche Hürden sich dabei im Zusammenhang mit dem "Alien-Gefühl" ergeben können, beschreibt die Autorin Katharina Fietze in ihrem Buch "Kluge Mädchen – Frauen entdecken ihre Hochbegabung" sehr treffend:

Zum einen kann dem Hochbegabten aus den o.g. Gründen seitens einer Gruppe Ablehnung und Unverständnis entgegenschlagen, weil er anders ist als die anderen. Sein Gegenüber nicht einordnen zu können, kann Irritation und Ablehnung erzeugen.

 

Zum anderen können sich Hochbegabte aus sich selbst heraus nirgendwo richtig zugehörig und fehl am Platz fühlen, auch wenn ihnen eine Gruppe Sympathie und Anerkennung entgegenbringt.

Wie kommt es dazu?

 

In einer Gruppe durchschnittlich intelligenter Menschen nimmt ein Hochbegabter wahr, dass die Gruppenmitglieder untereinander ähnlich, aber im Vergleich zu ihm anders sind, auch wenn sich die Gruppe gar nicht kennt, z.B. in einem Kurs oder einer Fortbildung.

 

Diese Homogenität innerhalb der Gruppe wird als Vertrautheit wahrgenommen und erzeugt für die abweichende Person ein Gefühl des Ausgeschlossenseins.

Katharina Fietze vergleicht die immer wieder aufflammende Sehnsucht, normal zu sein und dazuzugehören, mit starkem Heimweh.

 

Selbst unter vertrauten Menschen im sozialen Umfeld kann sich immer wieder das Gefühl der Fremdheit einschleichen und den Hochbegabten irritieren und belasten, vor allem, wenn er noch nichts von seiner Hochbegabung weiß und die diffusen, unerklärlichen Emotionen nicht einordnen kann.

 

Allerdings betrifft dieses Phänomen nicht nur Hochbegabte. Die meisten Menschen, die anders sind als der Durchschnitt, erleben  irgendwann diese Momente, nicht zuletzt die Multitalente oder "bunten Paradiesvögel" aus dem künstlerisch-kreativen Bereich, die in keine Schublade passen.

 

Eine erfolgreiche Integration in eine Gruppe funktioniert für Hochbegabte oftmals nur durch Anpassung und Verbergen ihrer überdurchschnittlichen Begabungen. Dies kommt aber einer Selbstverleugnung gleich, die ebenfalls sehr quälend und belastend sein kann.

Dr. Jürgen vom Scheidt rät daher dazu, zu seinen Talenten, Begabungen und seiner Kreativität zu stehen und ermuntert zu einem "Getting out", auch wenn das oftmals viel Mut verlangt und von der Umwelt nicht immer anerkannt und honoriert, sondern mitunter mit Unverständnis oder sogar Feindseligkeit kommentiert wird.

 

Gerade bei unentdeckten Hochbegabten kann bereits das positive Ergebnis einer Begabungsdiagnostik Kraft geben und viel Energie freisetzen, da man sein Anderssein endlich verstehen und einordnen kann  - und außerdem doch noch zu einer Gruppe dazugehört, auch wenn sie nur eine Minderheit der Bevölkerung darstellt.
 

 

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